Hellinger Intézet Magyarország

 
Részletek Bert Hellinger 2006. májusi konferenciáról Budapesten -  Magyarország felállítása, magyar tolmácsolással:

 

Bert Hellinger:

Aufstellung für Ungarn

 hellinger: Ich mache etwas Ungewöhnliches. Ich brauche vier Männer.

 Er wählt vier Männer und stellt sie in einer bestimmte Ordnung nebeneinander. Danach wählt er eine Frau und stellt sie ihnen gegenüber.

Zu dieser Frau: Du vertrittst Ungarn.

 Zum ersten Mann rechts von den anderen: Du vertrittst das Osmanische Reich.

 Zum zweiten Mann, links vom Stellvertreter für das Osmanische Reich: Du vertrittst Österreich.

 Zum dritten Mann, links vom Stellvertreter für Österreich: Du vertrittst Deutschland.

 Zum vierten Mann, links von den anderen: Du vertrittst Russland.

 hellinger nach einer Weil:e Ich brauche noch jemand.

 Er wählt eine Frau und bittet sie, sich etwas weiter zurück hinter Ungarn zu stellen.

 Zu dieser Frau: Du vertrittst die Juden.

 Die Stellvertreterin für Ungarn beginnt, heftig zu zittern. Sie hat die Arme ausgebreitet und dreht ihre Hände nach hinten, als wolle sie den Juden verwehren, näher zu kommen. Sie  atmet heftig.

 Nach einer Weile wählt Hellinger fünf Männer und Frauen und lässt sie sich wahllos zwischen Ungarn und die Stellvertreter der verschiednen Länder mit dem Rücken auf den Boden legen.

 hellinger zur Gruppe: Das sind die Toten, die die Konflikte Ungarns mit diesen Ländern gekostet haben.

 Die Stellvertreterin von Ungarn zittert weiterhin heftig und weint. Dann breitet sie weit die Arme zu den Toten hin aus und beugt sich zu ihnen hinunter. Sie streckt ihr Hände zur ersten Toten, nimmt ihre Hand und streichelt sie. Sie kniet sich zu ihr und küsst ihre Hand. Während sie mit ihrer einen Hand die Hand dieser Toten noch hält, schlägt sie ihre andere Hand vor ihr Gesicht und schluchzt.

            Die Stellvertreterin für die Juden, die hinter ihr stand, nimmt einen Stuhl, stellt sich auf ihn und schaut von oben auf das Geschehen vor ihr.

            Ein weiterer Toter rückt näher zu Ungarn. Ungarn streckt eine Hand nach ihm aus und zieht ihn zu sich. Der Tote legt kniend seine Arme um Ungarn und hält sich an ihr fest. Beide schluchzen laut.

            Ungarn dreht sich hilflos hin und her, vor allem zur Stellvertreterin der Juden, und schluchzt. Dann löst sich der Tote von ihr, kniet sich vor der Stellvertreterin für die Juden und streckt die Arme nach ihr aus. Die Stellvertreterin für die Juden verschränkt nach einer Weile ihre Arme hinter ihrem Rücken. Daraufhin zieht der Tote seine Arme zurück und setzt sich auf seine Fersen. Ungarn legt eine Hand hinter an seine Brust, während sie weiterhin die Hand der einen Toten hält.

            Der Stellvertreter von Österreich kniet sich zu einer der Toten und berührt sie mit beiden Händen. Nach einer Weile legt der Stellvertreter für Deutschland von hinten eine Hand auf die Schulter Österreichs.

            Der eine Tote streckt wieder eine Hand zur Stellvertreterin der Juden aus, aber diese schaut ihn nicht an. Ungarn dreht sich nun ganz zur Stellvertreterin der Juden, die noch immer ihre Arme hinter ihrem Rücken verschränkt hält. Dann dreht sie sich weg und kniet sich zu der Toten, deren Hand sie die ganze Zeit gehalten hat und immer noch hält, und streichelt sie.

            Der Stellvertreter für das Osmanische Reich geht in die Knie vor einer Toten, die vor ihm liegt. Auch Russland geht in die Knie vor einer Toten und hält ihre Hand. Der Einzige, der noch stehen bleibt, ist der Stellvertreter für Deutschland. Er streckt eine Hand nach Ungarn aus. Österreich steht auf, Deutschland hat noch immer die eine Hand auf dessen Schultern. Beide schauen zur Stellvertreterin von Ungarn, die sich inzwischen wieder der Stellvertreterin für die Juden zugewandt hat.

            Auch der Stellvertreter für Russland ist aufgestanden, kniet sich aber bald wieder hin. Ungarn hat sich wieder zu dn Stellvertretern der Länder gedreht. Der Tote, der die ganze Zeit Kontakt zur Stellvertreterin der Juden gesucht hatte, lässt von ihr ab und legt sich auf den Boden.

            Nacheiner Weile steht er auf und wendet sich wieder der Stellvertreterin für die Juden zu. Auch die Stellvertreter der Länder schauen auf sie. Sie aber schaut über sie hinweg.

            Die eine Tote, deren Hand Ungarn die ganze Zeit gehalten hatte, ist aufgestanden und hält Ungarn von hinten mit den Händen an ihren Armen.

            Österreich hat sich von Deutschland gelöst und schaut wieder auf die Toten. Deutschland ist weiter nach vorn gegangen in Richtung auf Ungarn und der Stellvertreterin der Juden. Diese streckt ihre rechte Hand aus, als wollte sie „Heil Hitler“ grüßen. Dabei hält sie ihre linke Hand weiterhin hinter ihrem Rücken. Nach einer Weile verschränkt sie beide Arme hinter ihrem Rücken.

Ungarn atmet schwer und hustet, als bekomme sie keine Luft mehr. Eine andere Tote stellt sich vor sie, die Händen hinter ihrem Rücken verschränkt. Dann stellt sie sich mit dem Rücken vor sie. Ungarn steht nun eng zwischen zwei Toten hinter und vor ihr und fasst die Tote vor ihr bei den Armen.

            Der eine Tote vor der Stellvertreterin der Juden, möchte diese vom Stuhl herunterziehen. Sie wehrt sich dagegen. Dann hält er sie umschlungen und legt seinen Kopf an ihren Bauch.

            Der Stellvertreter des Osmanischen Reiches hat sich zwischendurch weggedreht, wendet sich aber wieder um.

Der Stellvertreter von Deutschland streckt eine Hand nach der Stellvertreterin der Juden aus. Dann stößt er einen lauten Schrei aus. Er schreit weiterhin aus Leibeskräften wie mit großem Schmerz. Dann lässt er nach, sinkt auf die Knie und verneigt sich tief.

            Ungarn und die beiden Toten bei ihr heben ihre Hände hoch und  halten sich mit erhobenen Händen.

            Der Tote, der die Stellvertreterin der Juden umschlungen hatte, löst sich von ihr und geht zum Stellvertreter von Deutschland. Er legt ihm eine Hand auf den Kopf, die andere auf seinen Rücken.

            Ungarn hat eine Hand von den beiden Toten bei ihr gelöst und streichelt mit ihr den Toten, der Deutschland berührt. Deutschland atmet schwer. Österreich hat sich inzwischen neben Deutschland gestellt und schaut hinüber zum Osmanischen Reich, das sich nach einer Weile wegwendet.

            Hellinger bittet die Stellvertreterin der Juden vom Stuhl herunterzusteigen und sich der Gruppe von Ungarn, Deutschland und den drei Toten bei Ungarn gegenüberzustellen. Deutschland schluchzt weiterhin laut. Nach einer Weile zeigt die Stellvertreterin der Juden mit der  Hand auf Österreich, geht hinüber zum Osmanischen Reich und legt ihre linke Hand von hinten auf seine linke Schulter.

            Russland kniet bei den beiden anderen Toten, die noch auf dem Boden liegen und hält jede von ihnen mit einer Hand. Nach einer Weile lässt es ihre Hände los, bleibt aber knien. Das Osmanische Reich steht abseits.

            Österreich verneigt sich vor der Stellvertreterin der Juden. Diese weint. Das Osmanische Reich wendet sich ab, wird aber von der Stellvertreterin der Juden weiterhin gehalten.

            Österreich hatte sich zu Deutschland gekniet, dann wieder aufgerichtet. Es stellt es sich auf die andere Seite und kniet sich zu den Toten. Deutschland stimmt einen Laut an, wie einen Klagegesang, während es noch immer von dem einen Toten gehalten wird. Nach einer Weile richtet es sich auf und stellt sich Österreich gegenüber, das ebenfalls aufgestanden ist.

            Ungarn, die Toten und Russland halten sich bei der Hand. Deutschland steht ihnen gegenüber und verneigt sich tief.

            Nach einer Weile hat sich Ungarn wieder Deutschland und Österreich zugedreht.  Deutschland verneigt sich vor Ungarn. Das Osmanische Reich und Russland stehen abseits, haben aber alle im Blick

Als Deutschland und Ungarn einander gegenüberstehen, stellt sich eine Tote zwischen sie. Deutschland verneigt sich, breitet beide Arme aus und richtet sich wieder auf. Daraufhin wendet die Tote ihm den Rücken zu.

            Die Stellvertreterin der Juden hat sich vom Osmanischen Reich gelöst. Sie geht auf die andere Seite, nahe zu dem Toten, der sie zu Beginn umarmen wollte. Dieser setzt sich auf und lehnt sich mit dem Rücken an sie. Nach einer Weile steht er auf, stellt sich neben sie und legt seine linke Hand von hinten auf ihre linke Schulter.

            Ungarn streckt eine Hand nach Österreich aus, aber dieses weicht einen Schritt zurück. Deutschland hat eine Hand nach Ungarn ausgestreckt, lässt sie aber wieder sinken. Stattdessen nimmt Ungarn die Hand der Toten, die zwischen ihr und Deutschland steht.

            Ungarn beginnt wieder, heftig zu zittern. Österreich hat sich weggewendet und blickt nach außen Die Stellvertreterin der Juden geht zu Ungarn. Beide umarmen sich innig. Nach einer Weile lösen sie sich. Ungarn hält noch ihre eine Hand und streichelt ihr über das Gesicht. Ungarn will Kontakt zu Österreich aufnehmen, dieses aber wehrt sich zuerst. Es nimmt Österreich bei der Schulter und dreht es zu sich. Dann fasst Österreich nach der Hand von Ungarn und atmet tief.

             Der eine Tote, der sich an die Stellvertreterin der Juden gelehnt hatte, steht auf, stellt sich hinter Österreich. Er legt seinen Kopf auf dessen Schulter und hält es von hinten. Die Stellvertreterin der Juden geht zu Boden und legt sich auf den Rücken.

Deutschland dreht sich zu Ungarn, das immer noch Österreich festhält, und verneigt sich leicht vor ihm. Er schaut auf den Boden und breitet beide Arme aus. Der eine Tote geht zu Ungarn und hält es von hinten.

            Deutschland geht mit geneigtem Kopf langsam auf Ungarn und Österreich zu. Eine der Toten stellt sich hinter Deutschland, hält es von hinten und neigt ebenfalls ihren Kopf. Dann halten sich Deutschland, Österreich, der eine Tote und Ungarn in einem engen Kreis bei den Händen. Ungarn schluchzt laut und wird von dem einen Toten gehalten. Dann knien sich Deutschland und Österreich hin, halten sich bei den Händen und umarmen sich tief gebeugt. Ungarn beugt sich zu ihnen, zittert heftig und schluchzt. Sie möchte schreien, kann es aber nicht. Der eine Tote hält sie weiterhin bei der Hand.

            Nach einer Weile beruhigt sich Ungarn und steht aufrecht. Die Stellvertreterin der Juden steht auf und stellt sich abseits, doch mit dem Blick auf alle.

            Österreich liegt auf dem Boden. Deutschland hält es von oben umschlungen. Ungarn hat sich von ihnen gelöst, steht tief gebeugt etwas weiter weg. Deutschland und Österreich  richten sich auf und schauen zu Ungarn.

Hellinger steht auf und führt Ungarn weg von Österreich und Deutschland hin zu den Toten, die entweder vor ihr stehen oder sitzen oder noch auf dem Rücken liegen. Der Stellvertreter des Osmanischen Reiches sitzt in der Hocke bei diesen Toten. Ungarn beugt sich zu ihm hinunter und reicht ihm die Hand.

 hellinger nach einer Weile: Da lasse ich es jetzt.

 Zu den Stellvertretern: Ich danke euch allen.

 Zur Gruppe: Wir machen jetzt eine Pause. Ich bitte euch bitten, nicht darüber zu sprechen, auch mit keinem der Stellvertreter.

 Diese Aufstellung hat über eine Stunde gedauert, ohne dass dabei ein Wort gesprochen wurde. 

Friede den Völkern

 hellinger nach der Pause: Was wir hier gesehen haben, waren  Bewegungen des Geistes. Die Bewegungen des Geistes führen zusammen, was getrennt war. Sie sind allen gleichermaßen zugewandt. Sie zeigen auch, wo etwas vorbei ist und vorbei sein muss. Sie haben auch gezeigt, was noch nicht vorbei ist, und ich möchte darauf zurückkommen.

Vor ungefähr zwei Jahren bin ich in Polen und mit meinem Freund Zenon im Zug von Breslau nach Krakau gefahren. Ich habe ihn gebeten: „Erzähle mir etwas über Krakau.“ Er sagte: „Da gab es eine große jüdische Gemeinde. Etwa ein Drittel der Bevölkerung war jüdisch. In der Nähe war auch der große Bezirk von Galizien. Er war weitgehend von Juden bewohnt. Doch sie sind alle weg.

Ich habe mir dann diese Stadt Krakau vorgestellt. Ich habe gesehen, innerlich in einem inneren Bild: Rings um die Stadt stehen viele Menschen und wollen Einlass, aber sie dürfen nicht hinein.

            Ich hielt in Krakau einen Kurs. Am Morgen nach dem Kurs habe ich gesagt: „Ich möchte gerne in das jüdische Viertel.“ Dann sind wir zusammen in das jüdische Viertel gegangen. Dort war noch alles intakt. Da stand noch die Synagoge, es gab viele hebräische Inschriften über den Läden, aber es waren keine Juden mehr da. Ich habe in die Fenster geschaut und sah viele Gesichter. Denen sind die Augen ausgelaufen vor Tränen.

            Am gleichen Abend hatte ich einen Vortrag in  Kattowitz. Es waren über tausend Leute da. Denen habe ich das erzählt. Ich habe ihnen gesagt: „Mein Bild ist, dass in der Seele der Polen die Juden fehlen. Das wird in der Seele gespürt. Diese Seele wird erst heilen, wenn diese Juden – sie waren ja alle Polen gewesen - in der Seele der heutigen Polen einen Platz bekommen.“

            Gleichzeitig, waren wir auch durch Schlesien gefahren. Ich konnte genau spüren, dass die Schlesier fehlen. Sie fehlen den Polen. Nicht dass sie jetzt zurückkommen müssen oder zurückkommen sollen, aber sie müssen in der Seele der Polen einen Platz bekommen. Dann wird ihre Seele vollständig.

            Ich habe gehört, dass es dort gewisse Konflikte gibt, zwischen den Nachkommen der Schlesier und den Polen, aber vielleicht ist das, was ich jetzt gesagt habe, ein wichtiger Schritt zur Lösung.

            Ich habe ja viel gearbeitet mit solchen Situationen, wo es Konflikte zwischen Völkern gab und Konflikte zwischen großen Gruppen. Vor allem natürlich zwischen den Deutschen und den Juden. Aber auch zwischen den Deutschen und den Russen, und in Palästina zwischen den Israelis und den Palästinensern. Auch in anderen Ländern habe ich in diesem Sinne gearbeitet, zum  Beispiel voriges Jahr in Nicaragua. Nach dem Bürgerkrieg verlangen sie nach einer Lösung, nach einem neuen Anfang.

            Ich erzähle das Beispiel aus Nicaragua. Da gab es den Diktator Somoza. Der hatte eine schlimme Herrschaft geführt. Dann ist einer gegen ihn aufgestanden, der hieß Sandino. Er wurde von Somoza ermordet. Danach hat sich die Bewegung der Sandinisten gebildet. Sie haben einen Aufstand angezettelt gegen Somoza und haben gewonnen. Aber sie waren genauso schlimm. Somoza wurde im Exil ermordet.

            Dann habe ich einen Stellvertreter aufgestellt für Somoza und einen Stellvertreter für Sandino. Die beiden Stellvertreter waren nicht aus Nicaragua, sie waren aus Spanien. Dann geht es manchmal leichter, weil die unbefangener sind. Sie sind mit erhobenen Fäusten aufeinander zugegangen, ganz langsam. Dann habe ich zwischen sie Stellvertreter für die Toten gelegt, und zwar für die Toten von beiden Seiten. Somoza und Sandino haben ihre Hände sinken lassen und haben gemeinsam auf die Toten geschaut. Danach habe ich eine Stellvertreterin aufgestellt für Nicaragua. Sie hat geschrieen vor Schmerz und hat sich zu den Toten gelegt. Dann ist der Stellvertreter für Somoza in die Knie gegangen, ist an diesen Toten vorbei gekrochen auf die andere Seite und hat sich zu ihnen gelegt. Der Stellvertreter von Sandino ging auch in die  Knie, ist auch um die Toten herumgerutscht und hat sich zu Somaza gelegt. Es war, als wollten sie beide mit den Toten im gleichen Grabe ruhen.

            Danach habe ich Stellvertreter aufgestellt für die Nachkommen und für die Parteigänger von Somoza und Stellvertreter für die Nachkommen und die Parteigänger von Sandino. Die sind aufeinander zugegangen und haben sich die Hände gereicht. Dann habe ich die Stellvertreterin für Nicaragua aufstehen lassen und sie in die Mitte von denen gestellt. Dort hat Nicaragua aufgeatmet.

            Also, was geht der Versöhnung voraus? Alle schauen auf die Toten von beiden Seiten und sie trauern gemeinsam: ohne Vorwurf, nur mit Trauer. Das hat eine heilsame Wirkung.

            Was hat die heilsame Wirkung? Es kann endlich vorbei sein. Das ist die Lösung. Hier ist niemand mehr ausgeschlossen. Es gibt auch keine Bösen mehr und keine Täter und Opfer – alle sind sie nur Menschen, einander gleich. Danach haben sie eine gemeinsame Zukunft.

            Ich habe mal einen Witz gehört, ich glaube der ist von Erich Kästner. Er sagt: Wenn über eine Sache endlich Gras gewachsen ist, kommt ein Kamel und frisst es wieder ab. Man nennt das dann Geschichtsschreibung. Wem dient die Geschichtsschreibung? Der Wiedererweckung der Vergangenheit. Diese Geschichtsschreibung ist die Voraussetzung für den neuen Krieg.

            Ich habe mal eine Geschichte geschrieben über die Umkehr und die Lösung. Vielleicht erzähle ich sie hier einfach. Die Geschichte heißt: 

Die Wende 

Jemand wird hinein geboren in seine Familie, seine Heimat und Kultur, und schon als Kind hört er, wer einst ihr Vorbild war, ihr Lehrer und ihr Meister, und er spürt die tiefe Sehnsucht, so zu werden und zu sein wie er.

 Er schließt sich Gleichgesinnten an, übt sich in jahrelanger Zucht und folgt dem großen Vorbild nach, bis er ihm gleich geworden ist und denkt und spricht und fühlt und will wie er.

 Doch eines, meint er, fehle noch. So macht er sich auf einen weiten Weg, um in der fernsten Einsamkeit auch eine letzte Grenze vielleicht zu überschreiten. Er kommt vorbei an alten Gärten, die längst verlassen sind. Nur wilde Rosen blühen noch, und hohe Bäume tragen jährlich Frucht, die aber achtlos auf den Boden fällt, weil keiner da ist, der sie will. Danach beginnt die Wüste.

 Schon bald umgibt ihn eine unbekannte Leere. Ihm ist, als sei hier jede Richtung gleich, und auch die Bilder, die er manchmal vor sich sieht, erkennt er bald als leer. Er wandert, wie es ihn nach vorne treibt, und als er seinen Sinnen längst nicht mehr vertraut, sieht er vor sich die Quelle. Sie sprudelt aus der Erde und versickert schnell. Dort aber, wo ihr Wasser hinreicht, verwandelt sich die Wüste in ein Paradies.

 Als er dann um sich schaut, sieht er zwei Fremde kommen. Sie hatten es genau wie er gemacht. Sie waren ihrem Vorbild nachgefolgt, bis sie ihm gleich geworden waren. Sie hatten sich, wie er, auf einen weiten Weg gemacht, um in der Einsamkeit der Wüste auch eine letzte Grenze vielleicht zu überschreiten. Und sie fanden, so wie er, die Quelle. Zusammen beugen sie sich nieder, trinken von dem gleichen Wasser und glauben sich schon fast am Ziel. Dann nennen sie sich ihre Namen: „Ich heiße Gautama, der Buddha.“ Ich heiße Jesus, der Christus.“ „Ich heiße Mohammed, der Prophet.“

 Dann aber kommt die Nacht, und über ihnen strahlen, wie eh und je, unnahbar fern und still die Sterne. Sie werden alle stumm, und einer von den Dreien weiß sich dem großen Vorbild nah, wie nie zuvor. Ihm ist, als könne er, für einen Augenblick, erahnen, wie es ihm ergangen war, als er es wusste: die Ohnmacht, die Vergeblichkeit, die Demut. Und wie es ihm ergehen müsste, wüsste er auch um die Schuld.

 Am nächsten Morgen kehrt er um, und er entkommt der Wüste. Noch einmal führt sein Weg vorbei an den verlassenen Gärten, bis er an einem Garten endet, der ihm selbst gehört. Vor seinen Eingang steht ein alter Mann, als hätte er auf ihn gewartet. Er sagt: „Wer von so weit zurückgefunden hat wie du, der liebt die feuchte Erde. Er weiß, dass alles, wenn es wächst, auch stirbt, und, wenn es aufhört, nährt.“ „Ja,“ gibt der andere zur Antwort, „ich stimme dem Gesetz der Erde zu.“ Und er beginnt, sie zu bebauen.

 Das wäre auch ein schönes Programm für Ungarn