Bert
Hellinger:
Aufstellung für Ungarn
hellinger: Ich mache etwas Ungewöhnliches. Ich
brauche vier Männer.
Er wählt vier
Männer und stellt sie in einer bestimmte Ordnung
nebeneinander. Danach wählt er eine Frau und stellt
sie ihnen gegenüber.
Zu dieser
Frau: Du vertrittst
Ungarn.
Zum
ersten Mann rechts von den anderen:
Du vertrittst das Osmanische Reich.
Zum
zweiten Mann, links vom Stellvertreter für das
Osmanische Reich: Du
vertrittst Österreich.
Zum
dritten Mann, links vom Stellvertreter für
Österreich: Du vertrittst
Deutschland.
Zum
vierten Mann, links von den anderen:
Du vertrittst Russland.
hellinger nach einer Weil:e Ich brauche
noch jemand.
Er
wählt eine Frau und bittet sie, sich etwas weiter
zurück hinter Ungarn zu stellen.
Zu
dieser Frau: Du
vertrittst die Juden.
Die
Stellvertreterin für Ungarn beginnt, heftig zu
zittern. Sie hat die Arme ausgebreitet und dreht
ihre Hände nach hinten, als wolle sie den Juden
verwehren, näher zu kommen. Sie atmet heftig.
Nach einer
Weile wählt Hellinger fünf Männer und Frauen und
lässt sie sich wahllos zwischen Ungarn und die
Stellvertreter der verschiednen Länder mit dem
Rücken auf den Boden legen.
hellinger zur Gruppe: Das sind die Toten,
die die Konflikte Ungarns mit diesen Ländern
gekostet haben.
Die
Stellvertreterin von Ungarn zittert weiterhin heftig
und weint. Dann breitet sie weit die Arme zu den
Toten hin aus und beugt sich zu ihnen hinunter. Sie
streckt ihr Hände zur ersten Toten, nimmt ihre Hand
und streichelt sie. Sie kniet sich zu ihr und küsst
ihre Hand. Während sie mit ihrer einen Hand die Hand
dieser Toten noch hält, schlägt sie ihre andere Hand
vor ihr Gesicht und schluchzt.
Die Stellvertreterin für die Juden, die hinter ihr
stand, nimmt einen Stuhl, stellt sich auf ihn und
schaut von oben auf das Geschehen vor ihr.
Ein weiterer Toter rückt näher zu Ungarn. Ungarn
streckt eine Hand nach ihm aus und zieht ihn zu
sich. Der Tote legt kniend seine Arme um Ungarn und
hält sich an ihr fest. Beide schluchzen laut.
Ungarn dreht sich hilflos hin und her, vor allem zur
Stellvertreterin der Juden, und schluchzt. Dann löst
sich der Tote von ihr, kniet sich vor der
Stellvertreterin für die Juden und streckt die Arme
nach ihr aus. Die Stellvertreterin für die Juden
verschränkt nach einer Weile ihre Arme hinter ihrem
Rücken. Daraufhin zieht der Tote seine Arme zurück
und setzt sich auf seine Fersen. Ungarn legt eine
Hand hinter an seine Brust, während sie weiterhin
die Hand der einen Toten hält.
Der Stellvertreter von Österreich kniet sich zu
einer der Toten und berührt sie mit beiden Händen.
Nach einer Weile legt der Stellvertreter für
Deutschland von hinten eine Hand auf die Schulter
Österreichs.
Der eine Tote streckt wieder eine Hand zur
Stellvertreterin der Juden aus, aber diese schaut
ihn nicht an. Ungarn dreht sich nun ganz zur
Stellvertreterin der Juden, die noch immer ihre Arme
hinter ihrem Rücken verschränkt hält. Dann dreht sie
sich weg und kniet sich zu der Toten, deren Hand sie
die ganze Zeit gehalten hat und immer noch hält, und
streichelt sie.
Der Stellvertreter für das Osmanische Reich geht in
die Knie vor einer Toten, die vor ihm liegt. Auch
Russland geht in die Knie vor einer Toten und hält
ihre Hand. Der Einzige, der noch stehen bleibt, ist
der Stellvertreter für Deutschland. Er streckt eine
Hand nach Ungarn aus. Österreich steht auf,
Deutschland hat noch immer die eine Hand auf dessen
Schultern. Beide schauen zur Stellvertreterin von
Ungarn, die sich inzwischen wieder der
Stellvertreterin für die Juden zugewandt hat.
Auch der Stellvertreter für Russland ist
aufgestanden, kniet sich aber bald wieder hin.
Ungarn hat sich wieder zu dn Stellvertretern der
Länder gedreht. Der Tote, der die ganze Zeit Kontakt
zur Stellvertreterin der Juden gesucht hatte, lässt
von ihr ab und legt sich auf den Boden.
Nacheiner Weile steht er auf und wendet sich wieder
der Stellvertreterin für die Juden zu. Auch die
Stellvertreter der Länder schauen auf sie. Sie aber
schaut über sie hinweg.
Die eine Tote, deren Hand Ungarn die ganze Zeit
gehalten hatte, ist aufgestanden und hält Ungarn von
hinten mit den Händen an ihren Armen.
Österreich hat sich von Deutschland gelöst und
schaut wieder auf die Toten. Deutschland ist weiter
nach vorn gegangen in Richtung auf Ungarn und der
Stellvertreterin der Juden. Diese streckt ihre
rechte Hand aus, als wollte sie „Heil Hitler“
grüßen. Dabei hält sie ihre linke Hand weiterhin
hinter ihrem Rücken. Nach einer Weile verschränkt
sie beide Arme hinter ihrem Rücken.
Ungarn atmet schwer und hustet, als bekomme sie
keine Luft mehr. Eine andere Tote stellt sich vor
sie, die Händen hinter ihrem Rücken verschränkt.
Dann stellt sie sich mit dem Rücken vor sie. Ungarn
steht nun eng zwischen zwei Toten hinter und vor ihr
und fasst die Tote vor ihr bei den Armen.
Der eine Tote vor der Stellvertreterin der Juden,
möchte diese vom Stuhl herunterziehen. Sie wehrt
sich dagegen. Dann hält er sie umschlungen und legt
seinen Kopf an ihren Bauch.
Der Stellvertreter des Osmanischen Reiches hat sich
zwischendurch weggedreht, wendet sich aber wieder
um.
Der
Stellvertreter von Deutschland streckt eine Hand
nach der Stellvertreterin der Juden aus. Dann stößt
er einen lauten Schrei aus. Er schreit weiterhin aus
Leibeskräften wie mit großem Schmerz. Dann lässt er
nach, sinkt auf die Knie und verneigt sich tief.
Ungarn und die beiden Toten bei ihr heben ihre Hände
hoch und halten sich mit erhobenen Händen.
Der Tote, der die Stellvertreterin der Juden
umschlungen hatte, löst sich von ihr und geht zum
Stellvertreter von Deutschland. Er legt ihm eine
Hand auf den Kopf, die andere auf seinen Rücken.
Ungarn hat eine Hand von den beiden Toten bei ihr
gelöst und streichelt mit ihr den Toten, der
Deutschland berührt. Deutschland atmet schwer.
Österreich hat sich inzwischen neben Deutschland
gestellt und schaut hinüber zum Osmanischen Reich,
das sich nach einer Weile wegwendet.
Hellinger bittet die Stellvertreterin der Juden vom
Stuhl herunterzusteigen und sich der Gruppe von
Ungarn, Deutschland und den drei Toten bei Ungarn
gegenüberzustellen. Deutschland schluchzt weiterhin
laut. Nach einer Weile zeigt die Stellvertreterin
der Juden mit der Hand auf Österreich, geht hinüber
zum Osmanischen Reich und legt ihre linke Hand von
hinten auf seine linke Schulter.
Russland kniet bei den beiden anderen Toten, die
noch auf dem Boden liegen und hält jede von ihnen
mit einer Hand. Nach einer Weile lässt es ihre Hände
los, bleibt aber knien. Das Osmanische Reich steht
abseits.
Österreich verneigt sich vor der Stellvertreterin
der Juden. Diese weint. Das Osmanische Reich wendet
sich ab, wird aber von der Stellvertreterin der
Juden weiterhin gehalten.
Österreich hatte sich zu Deutschland gekniet, dann
wieder aufgerichtet. Es stellt es sich auf die
andere Seite und kniet sich zu den Toten.
Deutschland stimmt einen Laut an, wie einen
Klagegesang, während es noch immer von dem einen
Toten gehalten wird. Nach einer Weile richtet es
sich auf und stellt sich Österreich gegenüber, das
ebenfalls aufgestanden ist.
Ungarn, die Toten und Russland halten sich bei der
Hand. Deutschland steht ihnen gegenüber und verneigt
sich tief.
Nach einer Weile hat sich Ungarn wieder Deutschland
und Österreich zugedreht. Deutschland verneigt sich
vor Ungarn. Das Osmanische Reich und Russland stehen
abseits, haben aber alle im Blick
Als Deutschland und Ungarn einander
gegenüberstehen, stellt sich eine Tote zwischen sie.
Deutschland verneigt sich, breitet beide Arme aus
und richtet sich wieder auf. Daraufhin wendet die
Tote ihm den Rücken zu.
Die Stellvertreterin der Juden hat sich vom
Osmanischen Reich gelöst. Sie geht auf die andere
Seite, nahe zu dem Toten, der sie zu Beginn umarmen
wollte. Dieser setzt sich auf und lehnt sich mit dem
Rücken an sie. Nach einer Weile steht er auf, stellt
sich neben sie und legt seine linke Hand von hinten
auf ihre linke Schulter.
Ungarn streckt eine Hand nach Österreich aus, aber
dieses weicht einen Schritt zurück. Deutschland hat
eine Hand nach Ungarn ausgestreckt, lässt sie aber
wieder sinken. Stattdessen nimmt Ungarn die Hand der
Toten, die zwischen ihr und Deutschland steht.
Ungarn beginnt wieder, heftig zu zittern. Österreich
hat sich weggewendet und blickt nach außen Die
Stellvertreterin der Juden geht zu Ungarn. Beide
umarmen sich innig. Nach einer Weile lösen sie sich.
Ungarn hält noch ihre eine Hand und streichelt ihr
über das Gesicht. Ungarn will Kontakt zu Österreich
aufnehmen, dieses aber wehrt sich zuerst. Es nimmt
Österreich bei der Schulter und dreht es zu sich.
Dann fasst Österreich nach der Hand von Ungarn und
atmet tief.
Der eine Tote, der sich an die Stellvertreterin der
Juden gelehnt hatte, steht auf, stellt sich hinter
Österreich. Er legt seinen Kopf auf dessen Schulter
und hält es von hinten. Die Stellvertreterin der
Juden geht zu Boden und legt sich auf den Rücken.
Deutschland dreht sich zu Ungarn,
das immer noch Österreich festhält, und verneigt
sich leicht vor ihm. Er schaut auf den Boden und
breitet beide Arme aus. Der eine Tote geht zu Ungarn
und hält es von hinten.
Deutschland geht mit geneigtem Kopf langsam auf
Ungarn und Österreich zu. Eine der Toten stellt sich
hinter Deutschland, hält es von hinten und neigt
ebenfalls ihren Kopf. Dann halten sich Deutschland,
Österreich, der eine Tote und Ungarn in einem engen
Kreis bei den Händen. Ungarn schluchzt laut und wird
von dem einen Toten gehalten. Dann knien sich
Deutschland und Österreich hin, halten sich bei den
Händen und umarmen sich tief gebeugt. Ungarn beugt
sich zu ihnen, zittert heftig und schluchzt. Sie
möchte schreien, kann es aber nicht. Der eine Tote
hält sie weiterhin bei der Hand.
Nach einer Weile beruhigt sich Ungarn und steht
aufrecht. Die Stellvertreterin der Juden steht auf
und stellt sich abseits, doch mit dem Blick auf
alle.
Österreich liegt auf dem Boden. Deutschland hält es
von oben umschlungen. Ungarn hat sich von ihnen
gelöst, steht tief gebeugt etwas weiter weg.
Deutschland und Österreich richten sich auf und
schauen zu Ungarn.
Hellinger steht auf und führt Ungarn
weg von Österreich und Deutschland hin zu den Toten,
die entweder vor ihr stehen oder sitzen oder noch
auf dem Rücken liegen. Der Stellvertreter des
Osmanischen Reiches sitzt in der Hocke bei diesen
Toten. Ungarn beugt sich zu ihm hinunter und reicht
ihm die Hand.
hellinger nach einer Weile:
Da lasse ich es jetzt.
Zu
den Stellvertretern: Ich
danke euch allen.
Zur
Gruppe: Wir machen jetzt
eine Pause. Ich bitte euch bitten, nicht darüber zu
sprechen, auch mit keinem der Stellvertreter.
Diese
Aufstellung hat über eine Stunde gedauert, ohne dass
dabei ein Wort gesprochen wurde.
Friede den Völkern
hellinger nach der Pause:
Was wir hier gesehen haben, waren Bewegungen des
Geistes. Die Bewegungen des Geistes führen zusammen,
was getrennt war. Sie sind allen gleichermaßen
zugewandt. Sie zeigen auch, wo etwas vorbei ist und
vorbei sein muss. Sie haben auch gezeigt, was noch
nicht vorbei ist, und ich möchte darauf
zurückkommen.
Vor ungefähr zwei Jahren bin ich in
Polen und mit meinem Freund Zenon im Zug von
Breslau nach Krakau gefahren. Ich habe ihn gebeten:
„Erzähle mir etwas über Krakau.“ Er sagte: „Da gab
es eine große jüdische Gemeinde. Etwa ein Drittel
der Bevölkerung war jüdisch. In der Nähe war auch
der große Bezirk von Galizien. Er war weitgehend von
Juden bewohnt. Doch sie sind alle weg.
Ich habe mir dann diese Stadt Krakau
vorgestellt. Ich habe gesehen, innerlich in einem
inneren Bild: Rings um die Stadt stehen viele
Menschen und wollen Einlass, aber sie dürfen nicht
hinein.
Ich
hielt in Krakau einen Kurs. Am Morgen nach dem Kurs
habe ich gesagt: „Ich möchte gerne in das jüdische
Viertel.“ Dann sind wir zusammen in das jüdische
Viertel gegangen. Dort war noch alles intakt. Da
stand noch die Synagoge, es gab viele hebräische
Inschriften über den Läden, aber es waren keine
Juden mehr da. Ich habe in die Fenster geschaut und
sah viele Gesichter. Denen sind die Augen
ausgelaufen vor Tränen.
Am
gleichen Abend hatte ich einen Vortrag in
Kattowitz. Es waren über tausend Leute da. Denen
habe ich das erzählt. Ich habe ihnen gesagt: „Mein
Bild ist, dass in der Seele der Polen die Juden
fehlen. Das wird in der Seele gespürt. Diese Seele
wird erst heilen, wenn diese Juden – sie waren ja
alle Polen gewesen - in der Seele der heutigen Polen
einen Platz bekommen.“
Gleichzeitig, waren wir auch durch Schlesien
gefahren. Ich konnte genau spüren, dass die
Schlesier fehlen. Sie fehlen den Polen. Nicht dass
sie jetzt zurückkommen müssen oder zurückkommen
sollen, aber sie müssen in der Seele der Polen einen
Platz bekommen. Dann wird ihre Seele vollständig.
Ich
habe gehört, dass es dort gewisse Konflikte gibt,
zwischen den Nachkommen der Schlesier und den Polen,
aber vielleicht ist das, was ich jetzt gesagt habe,
ein wichtiger Schritt zur Lösung.
Ich
habe ja viel gearbeitet mit solchen Situationen, wo
es Konflikte zwischen Völkern gab und Konflikte
zwischen großen Gruppen. Vor allem natürlich
zwischen den Deutschen und den Juden. Aber
auch zwischen den Deutschen und den Russen,
und in Palästina zwischen den Israelis und den
Palästinensern. Auch in anderen Ländern habe ich
in diesem Sinne gearbeitet, zum Beispiel voriges
Jahr in Nicaragua. Nach dem Bürgerkrieg verlangen
sie nach einer Lösung, nach einem neuen Anfang.
Ich
erzähle das Beispiel aus Nicaragua. Da gab es
den Diktator Somoza. Der hatte eine schlimme
Herrschaft geführt. Dann ist einer gegen ihn
aufgestanden, der hieß Sandino. Er wurde von Somoza
ermordet. Danach hat sich die Bewegung der
Sandinisten gebildet. Sie haben einen Aufstand
angezettelt gegen Somoza und haben gewonnen. Aber
sie waren genauso schlimm. Somoza wurde im Exil
ermordet.
Dann habe ich einen Stellvertreter aufgestellt für
Somoza und einen Stellvertreter für Sandino. Die
beiden Stellvertreter waren nicht aus Nicaragua, sie
waren aus Spanien. Dann geht es manchmal leichter,
weil die unbefangener sind. Sie sind mit erhobenen
Fäusten aufeinander zugegangen, ganz langsam. Dann
habe ich zwischen sie Stellvertreter für die Toten
gelegt, und zwar für die Toten von beiden Seiten.
Somoza und Sandino haben ihre Hände sinken lassen
und haben gemeinsam auf die Toten geschaut. Danach
habe ich eine Stellvertreterin aufgestellt für
Nicaragua. Sie hat geschrieen vor Schmerz und hat
sich zu den Toten gelegt. Dann ist der
Stellvertreter für Somoza in die Knie gegangen, ist
an diesen Toten vorbei gekrochen auf die andere
Seite und hat sich zu ihnen gelegt. Der
Stellvertreter von Sandino ging auch in die Knie,
ist auch um die Toten herumgerutscht und hat sich zu
Somaza gelegt. Es war, als wollten sie beide mit den
Toten im gleichen Grabe ruhen.
Danach habe ich Stellvertreter aufgestellt für die
Nachkommen und für die Parteigänger von Somoza und
Stellvertreter für die Nachkommen und die
Parteigänger von Sandino. Die sind aufeinander
zugegangen und haben sich die Hände gereicht. Dann
habe ich die Stellvertreterin für Nicaragua
aufstehen lassen und sie in die Mitte von denen
gestellt. Dort hat Nicaragua aufgeatmet.
Also, was geht der Versöhnung voraus? Alle schauen
auf die Toten von beiden Seiten und sie trauern
gemeinsam: ohne Vorwurf, nur mit Trauer. Das hat
eine heilsame Wirkung.
Was
hat die heilsame Wirkung? Es kann endlich vorbei
sein. Das ist die Lösung. Hier ist niemand mehr
ausgeschlossen. Es gibt auch keine Bösen mehr und
keine Täter und Opfer – alle sind sie nur Menschen,
einander gleich. Danach haben sie eine gemeinsame
Zukunft.
Ich
habe mal einen Witz gehört, ich glaube der ist von
Erich Kästner. Er sagt: Wenn über eine Sache endlich
Gras gewachsen ist, kommt ein Kamel und frisst es
wieder ab. Man nennt das dann Geschichtsschreibung.
Wem dient die Geschichtsschreibung? Der
Wiedererweckung der Vergangenheit. Diese
Geschichtsschreibung ist die Voraussetzung für den
neuen Krieg.
Ich
habe mal eine Geschichte geschrieben über die Umkehr
und die Lösung. Vielleicht erzähle ich sie hier
einfach. Die Geschichte heißt:
Die Wende
Jemand wird
hinein geboren in seine Familie, seine Heimat und
Kultur, und schon als Kind hört er, wer einst ihr
Vorbild war, ihr Lehrer und ihr Meister, und er
spürt die tiefe Sehnsucht, so zu werden und zu sein
wie er.
Er schließt
sich Gleichgesinnten an, übt sich in jahrelanger
Zucht und folgt dem großen Vorbild nach, bis er ihm
gleich geworden ist und denkt und spricht und fühlt
und will wie er.
Doch eines,
meint er, fehle noch. So macht er sich auf einen
weiten Weg, um in der fernsten Einsamkeit auch eine
letzte Grenze vielleicht zu überschreiten. Er kommt
vorbei an alten Gärten, die längst verlassen sind.
Nur wilde Rosen blühen noch, und hohe Bäume tragen
jährlich Frucht, die aber achtlos auf den Boden
fällt, weil keiner da ist, der sie will. Danach
beginnt die Wüste.
Schon bald
umgibt ihn eine unbekannte Leere. Ihm ist, als sei
hier jede Richtung gleich, und auch die Bilder, die
er manchmal vor sich sieht, erkennt er bald als
leer. Er wandert, wie es ihn nach vorne treibt, und
als er seinen Sinnen längst nicht mehr vertraut,
sieht er vor sich die Quelle. Sie sprudelt aus der
Erde und versickert schnell. Dort aber, wo ihr
Wasser hinreicht, verwandelt sich die Wüste in ein
Paradies.
Als er dann um
sich schaut, sieht er zwei Fremde kommen. Sie hatten
es genau wie er gemacht. Sie waren ihrem Vorbild
nachgefolgt, bis sie ihm gleich geworden waren. Sie
hatten sich, wie er, auf einen weiten Weg gemacht,
um in der Einsamkeit der Wüste auch eine letzte
Grenze vielleicht zu überschreiten. Und sie fanden,
so wie er, die Quelle. Zusammen beugen sie sich
nieder, trinken von dem gleichen Wasser und glauben
sich schon fast am Ziel. Dann nennen sie sich ihre
Namen: „Ich heiße Gautama, der Buddha.“ Ich heiße
Jesus, der Christus.“ „Ich heiße Mohammed, der
Prophet.“
Dann aber
kommt die Nacht, und über ihnen strahlen, wie eh und
je, unnahbar fern und still die Sterne. Sie werden
alle stumm, und einer von den Dreien weiß sich dem
großen Vorbild nah, wie nie zuvor. Ihm ist, als
könne er, für einen Augenblick, erahnen, wie es ihm
ergangen war, als er es wusste: die Ohnmacht, die
Vergeblichkeit, die Demut. Und wie es ihm ergehen
müsste, wüsste er auch um die Schuld.
Am nächsten
Morgen kehrt er um, und er entkommt der Wüste. Noch
einmal führt sein Weg vorbei an den verlassenen
Gärten, bis er an einem Garten endet, der ihm selbst
gehört. Vor seinen Eingang steht ein alter Mann, als
hätte er auf ihn gewartet. Er sagt: „Wer von so weit
zurückgefunden hat wie du, der liebt die feuchte
Erde. Er weiß, dass alles, wenn es wächst, auch
stirbt, und, wenn es aufhört, nährt.“ „Ja,“ gibt der
andere zur Antwort, „ich stimme dem Gesetz der Erde
zu.“ Und er beginnt, sie zu bebauen.
Das wäre auch
ein schönes Programm für Ungarn